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5.4.19 - 18.8.19, Hannover

22.9.19 - 2.2.20, Braunschweig

Saxones

Das erste Jahrtausend in Niedersachsen

Niedersächsische Landesausstellung 2019
Saxones to go

Diese ausstellungsbegleitende Website erzählt die Geschichte des 1. Jahrtausends in Niedersachsen und Westfalen neu und zeigt den aktuellen Forschungsstand im Bereich Sachsenforschung.

Wer sind die

Saxones

..., die in antiken und mittelalterlichen Schriften genannt werden?

Saxones

Saxones ist der lateinische Name, aus dem das deutsche „Sachsen“ wurde. Die Frage, wer die Sachsen sind, ist aber nicht so einfach zu beantworten. Denn es gibt sehr viele verschiedene Sachsen: Menschen, die aus Dresden oder Leipzig stammen, beispielsweise, oder Siebenbürger Sachsen, deren Heimat in Rumänien liegt. Oder Saksalainen: Das ist in der finnischen Sprache ein Deutscher. Und dann sind da natürlich noch die Angelsachsen oder die Niedersachsen.

Man müsste also erst einmal nachfragen: Welche Sachsen meinen Sie denn? Aber diese verwirrende Vielfalt ist keineswegs nur ein modernes Phänomen. Verschiedene Sachsen gab es auch schon im 1. Jahrtausend. Die bekanntesten darunter sind sicher die Sachsen, gegen die Karl der Große im 8. Jahrhundert im heutigen Norddeutschland seine legendären „Sachsenkriege“ führte. Ihr bekanntester Anführer hieß Widukind. Karl unterwarf die Sachsen seiner Herrschaft, aber schon 919 bestieg mit Heinrich I. ein Sachse den ostfränkischen Thron. Sein Sohn Otto der Große wurde einer der mächtigsten Männer des 10. Jahrhunderts.

Sind »SAXONES« ein germanischer Stammesverband, der im südlichen Schleswig-Holstein ansässig war und von dort in das Elbe-Weser-Dreieck gewandert ist? Hat der sogenannte germanische Stamm von dort aus die Landschaften bis in den Harz und zur Elbe erobert? Und auch noch England und Westfalen? Waren die Saxones ein Stamm, der unverdrossen über Jahrhunderte bis in die Zeiten Karls des Großen seinen Weg gegangen ist?

Klare Antwort: Nein!

Die neue Geschichte der alten Sachsen

... ist verwirrender, aber auch spannender!

Wir verraten aber schon mal so viel:

1.

»SAXONES« ist eine römische Bezeichnung für Gruppierungen, die hochmobil, gefährlich, aber auch instabil waren.

2.

Wir können die Siedlungsräume von sogenannten »SAXONES« in Norddeutschland vor dem 8. Jahrhundert nicht lokalisieren.

3.

Eine Wanderung ist nicht nachweisbar. Niedersachsen war schon vor über 1000 Jahren ein Land der Regionen, deren Eliten europaweit vernetzt waren.

Der Mythos

Historiker und Archäologen waren sich lange einig: Die Saxones waren ein westgermanischer Stamm, der das Land ab dem 3. Jahrhundert in Besitz nahm. Und nebenher England und Westfalen erobert, dabei hießen sie schon immer Sachsen.

War ein weißes Pferd schon vor 2000 Jahren das Wappentier der »alten Sachsen«?

Das beliebte »Niedersachsenlied« behauptet, die Leute von »Herzog Widukinds Stamm« hätten sogar schon die Römer verjagt, vor über 2.000 Jahren. Das weiße Pferd in der Fahne des Landes soll ihr Wappentier gewesen sein. Heute wissen wir: Das ist ein Mythos! Dieser entstand zwischen 1800 und 1950. Tatsächlich war es komplizierter. Und richtig spannend: Saxones waren immer die, die man dafür hielt. Und »Sachse« erst ab dem 9. Jahrhundert von einer Fremd- zu einer Selbstbezeichnung geworden.

Triff neun Männer und Frauen, die damals hier lebten: berühmte Persönlichkeiten oder Menschen wie du und ich,

Gewinner und Verlierer.

Ihr werdet in »SAXONES TO GO« ausgewählte Details einiger großformatigen Illustrationen sehen, die euch auch in der Ausstellung begegnen werden. Der Illustrator Kelvin Wilson hat anhand von archäologischem Fundmaterial Lebendbilder geschaffen. Grundlage dieser Rekonstruktionen waren überwiegend Grabbeigaben aus Fundkomplexen, die auf dieser Karte verortet sind.

Neben archäologischen Objekten zählen historische Schriftquellen zu den Werkzeugen mit deren Hilfe versucht wird einen detaillierten Blick in die Vergangenheit zu werfen. Allerdings wird nicht immer objektiv über SAXONES berichtet. Ein kleines Beispiel: Im 4. Jahrhundert bezeichnet der Begriff SAXONES eine Gruppe von Plünderern die auf der Nordsee unterwegs sind ohne genauere geografische Eingrenzung. Im 10. Jahrhundert kehrt sich diese negative Fremdbezeichnung zu einer eigenen Identität. Zu Beginn jedes Zeitabschnittes bei »SAXONES TO GO« werden euch Schriftquellen vorgestellt, in denen SAXONES Erwähnung finden (oder auch nicht) und die ihr an den gelben Symbolen erkennen könnt.

Alles auf Anfang

Von Sachsen
keine Spur

1. und 2. Jahrhundert

Unsere Zeitreise beginnt in der Zeit um 100: Damals verfassen römische Autoren die ältesten Berichte über das Land zwischen Rhein und Ostsee, die überliefert sind. In den heute niedersächsischen und westfälischen Gebieten leben zusammen kaum mehr als einige Hunderttausend Menschen. Die Römer zählen sie zu den »Germanen« und unterscheiden verschiedene gentes, Clans oder Stämme.

Sachsen sind nicht darunter.

..., Langobarden, Chauken, Dulgubnier, ...

Der Römer Tacitus († um 120) gehört zu den Ersten, die schriftlich fixieren, was man über diese Gruppen weiß – oder zu wissen glaubt. Wie er in seiner Schrift „Germania“ feststellt, wurden den Römern rechts des Rheins „erst unlängst […] einige Völkerschaften und Könige bekannt, zu denen der Krieg den Zugang eröffnet hat.“ Zu den germanischen gentes, die er und andere in den weiten Landschaften zwischen Rhein und Elbe lokalisieren, gehören Sugambrer, Amsivarier, Brukterer, Chasuarier, Langobarden, Chauken, Dulgubnier, Angrivarier, Fosen, Sueben und Cherusker. Saxones oder Sachsen sind nicht dabei. Die germanischen Anführer des 1. und 2. Jahrhunderts heißen im Römischen Reich reges, Könige. Der Römer Tacitus berichtet, sie würden „nach edler Abstammung gewählt“.

Die Anführer im germanischen Gebiet streiten um Vorherrschaft, Macht und Einfluss. Gewalttätige Auseinandersetzungen sind dabei alltäglich. Nur die reichsten Männer gewinnen in diesem Spiel: Ihre Anhänger und Krieger erwarten einen Lohn. Das dafür nötige Vermögen kann erwirtschaftet werden, mit Vieh zum Beispiel. Ertragreicher ist aber sicher ein Bündnis mit Rom, gerne gegen Rivalen. Dafür fließt gutes Geld. Noch im Grab präsentiert sich mancher ungeniert als Nutznießer guter Beziehungen zum Imperium: Wer auf sich hält, wird mit römischem Tafelgeschirr beigesetzt.

Cheers!

Die Verbindungen zum römischen Imperium und der Einfluss auf die germanische Lebensweise lassen sich unter anderem anhand von Grabinventaren nachvollziehen. Wie der Brandbestattung eines Anführers bei Hankenbostel, bei Faßberg im Lüneburgischen. Hier sind neben einem Schwert, Speer, Lanze, Schildbuckel sowie Trinkhornbeschläge auch römische Gegenstände wie eine Kelle-/Siebgarnitur und eine Kasserolle mit dem Toten bestattet worden.

Römisches Trinkgeschirr, Lanzenspitze und Schildbuckel aus Hankenbostel, Lkr. Celle © Niedersächsisches Landesmuseum Hannover, Foto: U. Stamme

Was wollten die Römer eigentlich hier?

... Rohstoffe: Holz, Erze, vielleicht Vieh. Und Menschen: Nachschub für die florierenden Sklavenmärkte des Imperiums. Begehrt ist aber auch plumbum gemanicum, Blei aus Germanien, um Wasserrohre zubauen.

Mercurius

Großringe, Gem. Ringe, Ldkr. Grafschaft Bentheim © Landesmuseum Hannover

Tacitus notierte, Merkur, der römische Gott der Händler und Diebe, sei der beliebteste göttliche Schutzherr bei den Germanen. In „Colonia Claudia Ara Agrippinensium“, dem heutigen Köln, sitzen seit dem 1. Jahrhundert hochrangige Vertreter des römischen Imperiums aus Politik und Verwaltung. Kaiser Augustus hatte den Ort zum Mittelpunkt der Provinz Germania gemacht. Am Rhein traf man seither auf weitgereiste Menschen aus allen Teilen des Reiches. Römische Zivilisation prägt das Leben: Ein multikultureller Lebensstil, Errungenschaften einer mediterranen Hochkultur, urbaner Wohlstand – um daran teilzuhaben, muss man nicht mehr die Alpen überqueren. Merkur wird oft mit folgenden Attributen dargestellt: Caduceus bzw. Hermesstab, dem geflügeltem Helm, Flügelschuhe und einem Geldbeutel.

Grabstein für den Römer Marcus Calius, gefallen in der »Varusschlacht«

Xanten, Lkdr. Wesel, © LVR-Landesmuseum Bonn, Foto: Jürgen Vogel

Kaiser Augustus († 14) hatte das Gebiet zwischen Rhein und Ostsee als Teil der römischen Provinz Germania behandelt. Es gab dort Freunde Roms – aber auch entschiedene Gegner. Kopf des Widerstands war Arminius, Sohn eines Cheruskerfürsten, ehemals im Dienste Roms. Im Jahr 9 fügte er den Truppen des Kaisers unter der Führung des Feldherrn Varus eine vernichtende Niederlage zu. Nach dem Tod des Augustus zog sich das Imperium zurück. Was die germanischen Clanführer davon hielten? Notiert haben sie es nicht: Man benutzte zu ihrer Zeit hierzulande keine Schrift. Fest steht aber: Kontakte ins römische Reich werden aufrechterhalten und gepflegt. Wohlhabende Familien begraben ihre Toten mit römischen Luxusgütern. Sie sind Statussymbole der Elite.

»Dem Marcus Caelius, Sohn des Titus von der Tribus Lemonia aus Bononia [Bologna]/Centurio ersten Ranges der 18. Legion, 53 Jahre alt. Er fiel im Krieg des Varus. Die Gebeine dürfen [in diesem Grab] beigesetzt werden. Der Bruder Publius Caelius, Sohn des Titus von der Tribus Lemonia hat [das Grabmal] herstellen lassen.«

Die
Netzwerker

3. Jahrhundert

Ein effizientes Netz von Land- und Wasserwegen bringt römischen Luxus in entlegene Winkel. Eine selbstbewusste Elite hat jetzt das Sagen. Die Reichen im Land sind Teil eines europaweiten Netzwerks der germanischen Oberschicht. Teure Geschenke aus aller Herren Länder besiegeln Bündnisse. Mehr denn je gilt:

Auch im Tod wird gezeigt, was man hat und wer man ist.

Nach dem Begriff Saxones (oder ΣAΞONEΣ) suchen wir vergeblich in Texten des 3. Jahrhundert.

Römischer Elfenbein Kamm, Reliefschnitzerei mit Szene aus der antiken Mythologie (1. Jahrhundert)

Grethem (Heidekreis) © Foto: Christian Teppe, Museum August Kestner

Grabbeigabe der High Society

Weitreichende Verbindungen

Der Hellweg, der alte Aufmarschweg der Römer entlang der Mittelgebirge, ist im 3. Jahrhundert DIE Verbindung ins römische Rheinland. Dort, aber auch überall an Ufern und Mündungen vieler Flüsse, entstehen Warenumschlagplätze. Die Mündung der Leine in die Aller ist ein Knotenpunkt im Netzwerk. Archäologen fanden dort die Spuren einer Leichenverbrennung aus dem 3. Jahrhundert: Ein römisches Bronzegefäß mit Knochenresten einer Frau und eine Grube mit der Asche ihres Scheiterhaufens. Beides barg winzige Reste verbrannter Gegenstände: einheimisches und importiertes Geschirr, römische Gläser, alle möglichen Utensilien, sogar Möbel. Die Tote trug feinen römischen Gold- und Silberschmuck – im Stil reicher Frauen im römischen Rheinland. Das eigentliche Highlight ist eine Antiquität: Ein 200 Jahre alter Elfenbeinkamm, gefertigt in Rom. Vielleicht ein Familienerbstück? Scherben von Keramikgefäßen, wie sie im 3. Jahrhundert in Mitteldeutschland mit römischer Technologie gefertigt werden, zeigen: Auch dorthin hatte die Familie Kontakte. Verbindungen anderer Clans reichen noch viel weiter, bis nach Skandinavien.

Die Macht der Netzwerker

Nicht alles, was an den Warenumschlagplätzen ankommt, ist legal beschafft. Militärisch sind die Netzwerker gut organisiert. Hochmobile germanische Kriegerverbände schließen sich für Raubzüge ins römische Reich zusammen. Sie fallen auch im Rheinland ein. Die Römer nennen die Plünderer „Franken“, das bedeutet die „Kühnen“ oder „Mutigen“.

Am „Harzhorn“ im Landkreis Northeim wurden Waffen und Ausrüstungsteile der römischen Armee aus dem 3. Jahrhundert gefunden, verstreut über einige Kilometer. Roms Truppen sind zurückgekommen – über 200 Jahre nach der Varusschlacht! Sind die Netzwerker zu mächtig geworden?

Die Schlacht am Harzhorn

Geführt hat sie vermutlich Kaiser Maximinus Thrax im Jahr 235/ 236, zunächst von Mainz aus nach Mitteldeutschland, dann um den Harz herum zurück. Am „Harzhorn“ schneiden ihm einheimische Krieger den Rückweg ab. Die Angreifer handeln zielgerichtet, schnell und effektiv. Viele Germanen kämpfen mit römischen Waffen. Ihre Anführer statten sie mit allem Nötigen aus. Möglicherweise unterhalten sie dafür regelrechte Rüstkammern, bezahlt von römischen Schutzgeldern?

Dolabra (Pionieraxt) mit Gravur: LEG IIII S A
© Braunschweigisches Landesmuseum, Foto: I. Simon

Im Jahr 260 ruft sich in Köln der römische Statthalter Postumus zum Gegenkaiser aus. Seine Soldaten hatten die Stadt erfolgreich gegen germanische Plünderer verteidigt. Ein „gallisches Sonderreich“ entsteht. Postumus und seine Nachfolger lassen Gold- und Kupfermünzen prägen, die auch in der norddeutschen Tiefebene kursierten. Davon wurden dort bislang deutlich mehr gefunden als Münzen der „richtigen“ Kaiser in Rom. Zufall? Eher nicht. Auch die Kölner Kaiser wussten:

Germanische Kriegerbanden sind käuflich.

Gegen Geld halten sie die Füße still – oder wechseln die Seite.

Die Grabbeigaben eines Mannes stehen beispielhaft für Belege eines weitreichenden Netzwerkes.

Kontakte ins römische Rheinland: Römische Silberlöffel und Set bestehend aus Kelle und Sieb

Kontakte nach Skandinavien: Germanische Rangabzeichen, goldener Arm- und Fingerring im skandinavischen Stil

Kontakte zum „gallischen Sonderreich“: durchlochte Goldmünze des Postumus. Trug er diese Münze für alle sichtbar als Zeichen für die engen Kontakte?

Beigaben aus Grab 2 von Emersleben

© Städtisches Museum Halberstadt

Gründerzeit

4. Jahrhundert bis 450

Germanen sind in der römischen Armee schon seit Jahrhunderten nichts Besonderes. Sie dienen Rom als einfache Söldner, aber auch als »foederati«, so werden nichtrömische Anführer, die gegen Bezahlung mit eigenem Gefolge kämpfen, genannt. Im 4. Jahrhundert sind solche freien »Gewaltunternehmer« das Rückgrat der Streitkräfte des Imperiums. Auch Männer aus unserem Gebiet erwerben damit enorme Vermögen.

Das Geschäft ist lukrativ

SAXONES – Plünderer?

Mal sind Saxones Feinde der Römer, mal Angehörige der römischen Armee. Der Name ist eine Sammelbezeichnung für Plünderer, die mit Schiffen auf der Nordsee unterwegs sind und die Küsten Galliens und Britanniens brandschatzen. Erst ab den 440er-Jahren erhält der Begriff noch eine zusätzliche Bedeutung: Als Saxones werden jetzt immer öfter auch Leute bezeichnet, die auf der britischen Hauptinsel zu Hause sind. 441/442 soll Britannien unter die Herrschaft von Saxones geraten sein. Und erst 400 Jahre später, etwa seit der Zeit Karls des Großen, werden die Saxones auf der britischen Hauptinsel auch Anglisaxones genannt. Daraus wurde der Name Angelsachsen. Archäologen haben festgestellt: Im 4./5. Jahrhundert kamen Menschen aus allen kontinentalen Küstengebieten rund um die Nordsee nach England. Leute aus dem heutigen Niedersachsen gehörten ebenfalls dazu. Ob sie sich selbst als SAXONES bezeichnet haben, wissen wir nicht.

Selfmade men

Einige Rückkehrer aus römischen Armeediensten haben es wirklich geschafft: Sie verfügen über große Mengen an römischem Gold und Silber, in Form von Münzen, Schmuck und militärischen Rangabzeichen. Ihre Vermögen investieren sie nicht nur in den Unterhalt und die Vergrößerung ihrer militärischen Gefolge. In der Hellwegzone wird jetzt feines Trinkgeschirr produziert: nach germanischem Geschmack und mit römischem Know-how. Hier wächst zusammen, was schon lange zusammen funktioniert.

Im Elbe-Weser-Dreieck greifen Heimkehrer in der 1. Hälfte des 5. Jhs. erfolgreich nach der Macht. Sie können ihre Anhänger reich beschenken. Ihr Herrschaftsgebiet reicht bis zur mittleren Weser. Manche Forscher sind überzeugt: An der Spitze ihrer Hierarchie steht ein König.

Um 410 gibt das weströmische Reich seine Provinz in England auf. Das entstandene Machtvakuum lockt germanische Warlords vom Kontinent an. Vielerorts gelingt es ihnen, Land und Leute zu unterwerfen. Von Anfang an dabei: Glücksritter aus dem Elbe-Weser-Dreieck, angeworben als Söldner, noch von den Römern, oder von britischen Magnaten. Sie bringen romano-britische Münzen mit nach Hause. Manche fassen auf der anderen Seite der Nordsee dauerhaft Fuß, gründen Familien, holen Verwandte nach ...

... die Nordsee ist keine Einbahnstraße

Home sweet home?!

Ferne Länder, fremde Sprachen, Speisen und Gewohnheiten – das ist vielen vertrauter als die Heimat.

Söldner der römischen Armee sind weitgereiste Männer. Ihre Identität hat viele Facetten. Eine davon ist ihnen buchstäblich auf den Leib geschneidert: breite römische Militärgürtel mit prächtigen Beschlägen.

Erkennungszeichen einer wohlhabenden und einflussreichen »warrior community«

Mit Kerbschnitt und figürlichen Motiven verzierte Beschläge eines spätrömischen Militärgürtels aus einem Bootsgrab bei Wremen-Fallward, Ldkr. Cuxhaven. © Museum Burg Bederkesa, Foto H. Lang, Bremerhaven

Für die Menschen an der Küste ist die Nordsee das Tor zur Welt. Boote sorgen für Verbindungen. Bei Wremen im Landkreis Cuxhaven wird um 430 ein reicher Mann sogar in einem Boot begraben. Auch er trägt einen prächtigen Gürtel im römischen Militärstil. Die Handwerker in seiner Heimat übernehmen die Dekore der Militärgürtelbeschläge. Sie entwickeln eine Art military look – eigenwillig, unverwechselbar und prestigeträchtig. Er wird zum Erkennungszeichen der wohlhabenden und einflussreichen »warrior community« im Elbe-Weser-Dreieck. Die typischen »Kerbschnitt«-Muster zieren den Schmuck der Frauen, aber auch hölzernes Mobiliar, wie die exzellent gefertigten Holzobjekte aus dem Gräberfeld an der Fallward.

Dekore einer »corporate identity«

Stuhl aus dem Gräberfeld des 4. und 5. Jahrhunderts an der Fallward (Ldkr. Cuxhaven) © A. Hüser, Museum Burg Bederkesa

Keramik und Schmuck im Stil der Machthaber im Elbe-Weser-Dreieck tauchen auch in England auf. Die Dekore ihrer corporate identity werden auf der Insel weiterentwickelt: Unter den Nachfahren der Menschen vom Kontinent stiftet Schmuck in diesem Stil ein Gefühl von Zusammengehörigkeit und gemeinsamer Identität.

Vieler
Herren Land?

um 450 bis Mitte 6. Jahrhundert

Im Elbe-Weser-Dreieck geben südskandinavische Magnaten den Ton an. Im Hinterland sind die Könige der Thüringer an der Macht. Im 5. Jahrhundert gerät das Gebiet links des Rheins unter die Herrschaft einer ehrgeizigen Familie: die Merowinger. Einer der ihren, Childerich, schafft es ganz nach oben: Er stirbt als König einer multiethnischen Bevölkerung. Seine Gemahlin Basina ist vermutlich die Exfrau des Thüringerkönigs. Diese germanischen Eliten kämpfen um Einfluss und Macht. Sie herrschen wie

...eine große zerstrittene Familie.

Code der Macht

Goldbrakteaten aus Sievern (Ldkr. Cuxhaven). In Sievern wurde 1942 ein Hortfund mit 11 Brakteaten gefunden. © Historisches Museum Bremerhaven

Die Herren der warrior community im Elbe-Weser-Dreieck gehören zu den maßgeblichen Akteuren rund um die Nordsee. Tonangebend werden dort jetzt südskandinavische Magnaten. Sievern ist vermutlich ein Herrschaftszentrum, denn hier wurden solche Preziosen unweit einer Befestigungsanlage im Boden vergraben – ein typisch skandinavischer Brauch.

© Zeichnung Atelier Schubert

Wer ist der Drachenmann?

Goldene Halsringe und Amulette, sogenannte Goldbrakteaten mit skurril verrenkten Menschen- oder Tiergestalten signalisieren einen speziellen gesellschaftlichen Status. Vermutlich wird ihnen zudem eine Schutzwirkung zugesprochen. Wer die darauf dargestellten Fabelwesen sind, ist schwer zu entscheiden: Helden? Drachen? Dämonen? Oder ein schamanistischer Mix aus allem? Vielleicht. Sicher ist nur: Wo sie auftauchen, teilen Menschen skandinavische Werte und gesellschaftliche Normen.

Frauensache(n): Politik mit arrangierten Ehen

Die Frau des Thüringerkönigs ist eine Nichte Theoderichs des Großen, seit 493 Herrscher im weströmischen Reich. Frauen der Oberschicht heiraten jung. Sehr jung! Tatsächlich sind elf oder zwölf Jahre alte Kinderbräute nichts Ungewöhnliches. Aber die Mädchen sind nicht immer völlig machtlos. Eine vornehme Abstammung verschafft ihnen Respekt und Handlungsspielräume.

Kinderbraut

anhand von archäologischem Fundmaterial hat der Illustrator Kelvin Wilson dieses Lebendbild eines Mädchens aus Issendorf geschaffen.

Das Mädchen ist die Braut für einen Mann aus einer Familie von der unteren Elbe, die Kontakte nach Mitteldeutschland unterhält oder knüpfen will. Sie starb als erwachsene Frau im 6. Jahrhundert und wurde in einer großen Grabkammer auf dem Gräberfeld von Issendorf im Landkreis Stade beigesetzt.

Der Mantel ist mit zwei für Mitteldeutschland typischen Bügelfibel (Gewandspange) geschlossen.

Schmuck kann die Herkunft reicher Frauen und die Beziehungen ihrer Familien verraten. Moden sind erkennbar, aber auch typische Designs einzelner Goldschmiede, die für die Oberschicht arbeiten. An der mittleren Weser und der unteren Elbe tragen um 500 einige Damen sehr wertvolle Fibeln, die ihre besten Parallelen im mitteldeutschen Kerngebiet der Thüringerkönige haben. Sie zeigen: Auch in Norddeutschland gibt es Bündnispartner dieser Potentaten.

© Landesmuseum Hannover, Foto: Kerstin Schmidt

Skurrile Motive!

Bei Immenbeck an der unteren Elbe wurde im 5. oder 6. Jahrhundert eine Frau mit ungewöhnlichem Schmuck begraben: Zwei kleine runde Broschen mit vergoldeten Silberblechen und skurrilem Motiv.

Hansestadt Buxtehude, Denkmalpflege, Foto: Bernd Habermann

Eine von zwei Pressblechfibeln aus Grab AE 236, Immenbeck, Gde. Hansestadt Buxtehude, Ldkr. Stade

Es lassen sich sechs kleine Gesichter mit großen Schnauzbärten, die wie Tortenstücke im Kreis sitzen, erahnen. Vergleichsstücke gibt es dafür nur in England. War der Schmuck ein Mitbringsel von der Insel? Oder war seine Besitzerin selbst das Mitbringsel?

Einen weiten Horizont hat man aber nicht nur an der Küste. Auch tief im Binnenland gibt es Schmuckstücke englischer Art. Auch von hier könnten Männer nach England aufgebrochen sein, deren Nachkommen mit der kontinentalen Verwandtschaft in Kontakt blieben.

Was uns Karten verraten ...

Archäologen arbeiten gern mit Kartenmaterial, anhand der folgenden Karte zeigen wir euch wieso: wie bereits oben erklärt, gibt es in Norddeutschland verschiedene Fundplätze, die um 450 bis in die Mitte des 6. Jahrhunderts datiert werden können. Das Fundmaterial dort stammt teilweise aus weit entfernten Gebieten, die zum Machtbereich verschiedener Herrscher gehörten. Diese Funde verraten einerseits Einflüsse aus Skandinavien, anderseits aus dem Bereich der Thüringerkönige und Merowinger. Auf der Karte seht ihr nun neben den erwähnten Fundstellen farbig gefasste Bereiche, die diese Bereiche verdeutlichen sollen (Sie zeigen aber nicht die Siedlungsgebiete von „Völkern“ auf!) Und welches Gebiet liegt im Zentrum? Das Gebiet des heutigen Niedersachsens. Erinnert euch aber immer daran, dass wir hier mit künstlichen Grenzen arbeiten und diese in der Realität auch durchaus anders gelagert seien können.

Da wäre zum einen der skandinavische Einfluss, der mitteldeutsche aus dem Bereich der Thüringer Könige sowie der Merowinger. Auf der Karte seht ihr nun neben den erwähnten Fundstellen farbig gefasste Bereiche, die eben diese Einflüsse und Einflusssphären verdeutlichen sollen (aber keineswegs ein Siedlungsgebiet aufzeigen sollen!). Welches Gebiet wird von diesen Bereichen umschlossen? Ganz genau: das Gebiet des heutigen Niedersachsens. Erinnert euch aber immer daran, dass wir hier mit künstlichen Grenzen arbeiten und diese in der Realität auch durchaus anders verlagert sind. Ihr seht also: die Interpretation von archäologischen Befunden und Funden wird als Kartengrundlage genutzt, um die Interpretation veranschaulicht darzustellen.

Das Spiel
der Könige

um 450 bis Mitte 6. Jahrhundert

In den Gesellschaften Europas herrscht eine rigorose Hackordnung. Gefolgsleute der Könige sind selber mächtige Herren, die ihrerseits Leute um sich scharen. Die Gräber hochrangiger Anführer zeigen: Sie gehören zu einer Kriegerkaste. Die Ausstattung der Toten wirkt fast wie eine Art Uniform: Wir sehen überall die gleiche Ausrüstung.

Im Spiel der Könige sind sie die Figuren.

Saxones? Jein!

Der älteste bekannte Text, aus dem sich verlässlich erschließen lässt, dass mit »SAXONES« auch Leute gemeint sein können, die irgendwo in einem mittel- bis norddeutschen Gebiet leben, ist ein Geschichtswerk aus der 2. H. des 6. Jhs. Verfasst hat es der fränkische Bischof Gregor von Tours († 594). Gregor berichtet, dass sich 547 »SAXONES« gegen den fränkischen König Chlothar I. († 561) erhoben hätten. Das geschah 16 Jahre nachdem Chlothar mit seinem Halbbruder Theuderich das Reich des Thüringerkönigs zerschlagen hatte. Als Chlothar mit einem Heer gegen die Aufständischen zog, verwüstete er »totam thuringia«, ganz Thüringen. Denn Thüringer hätten den SAXONES geholfen, sich zu wehren. Waren also die SAXONES rechts des Rheins, über die Clothar I. einen Herrschaftsanspruch erhob, Bewohner Thüringens? Ist SAXONES bei Gregor von Tour eine Sammelbezeichnung für rebellische Gefolgsleute des Thüringerkönigs? Gregor von Tours nennt in seinem Buch auch noch andere SAXONES. Aber die sitzen an der gallischen Küste, an der Loire oder der Seine.

Im Jahr 531 nimmt die Geschichte eine entscheidende Wendung ...

Links des Rheins, im alten Gallien, herrschen der Franke Clothar I. und seine Brüder aus der Dynastie der Merowinger. Zum Ausbau ihrer Macht ist ihnen jedes Mittel recht. Sie morden sogar in der eigenen Verwandtschaft. Rechts des Rheins steht ihnen Herminafrid im Weg, der mächtige König der Thüringer. Der hat seine Brüder beseitigt. Clothar I. und sein Halbbruder Theuderich I. stoßen zusammen nach Mitteldeutschland vor. Es kommt zur Schlacht mit Herminafrid. Der Thüringer entkommt, aber seine Tage sind gezählt: Die Frankenkönige werden ihn belügen, verraten und wenig später töten.

Auf verlorenem Posten? Verlierer gibt es in diesem Spiel um Macht viele.

Dazu zählen wohl auch fünf Männer, die zusammen auf einem eigenen kleinen Friedhof am Hellweg begraben wurden. Er liegt bei der heutigen Ortschaft Hemmingen-Hiddestorf in der Region Hannover. Den Mittelpunkt bildet ein Kammergrab. Es enthält alles, was einem Herrn gebührte – volle Bewaffnung, reichlich Geschirr.

© Landesmuseum Hannover

»Unbedeutend war dieser Tote nicht«

Aus dem Zentralgrab 1995 des kleinen Gräberfeldes Hemmingen-Hiddestorf stammen Spatha, Lanze, Axt und Pfeilspitzen. Zu der Ausstattung gehörten vermutlich noch ein Schild und organische Schutzwaffen.

Die Grabbeigaben zeigen: Der Krieger starb um 530. Es gibt reicher ausgestattete Gräber, aber unbedeutend war dieser Tote nicht. Waren die vier anderen Männer seine Gefolgsleute, die mit ihm gefallen sind? War der Anführer von Hemmingen-Hiddestorf ein Anhänger des Thüringerkönigs? Dafür spricht vor allem ein dunkles, glänzendes Keramikgefäß, feinstes Tischgeschirr, sogenannte Drehscheibenware, des 5. und 6. Jahrhunderts, gefertigt von erfahrenen Keramikmeistern in Mitteldeutschland. Starben die Männer von Hemmingen- Hiddestorf bei dem Versuch, den Vorstoß der Franken gegen den Thüringer zu stoppen? Vieles deutet daraufhin, dass Clothar I. und Theuderich I. über den Hellweg Richtung Mitteldeutschland vorgedrungen sind. Die Befundsituation des kleinen Gräberfeldes ist jedenfalls europaweit einzigartig.

»Ein auffallend großer Hengst«

Auf dem Kriegerfriedhof von Hiddestorf lag auch ein Pferd begraben. Befundsituation der Pferdebestattung: die dunklen Verfärbungen in rechteckiger Anordnung um das Pferdeskelet herum deuten auf die hölzerne Verkleidung des Grabes.

Das Bestatten von Pferden ist ein Brauchtum, das seinen Ursprung in Mitteldeutschland hat. Die dort ansässigen Thüringer sind im 6. Jahrhundert für ihre Pferdezucht weithin berühmt. Das Grab des Tieres wurde aufwendig mit Holz ausgebaut. ZooIogische Untersuchungen und Isotopenanlysen haben ergeben: Es war ein für die damalige Zeit auffallend großer Hengst. Das Tier war alt, 14 bis 16 Jahre, und hat gelahmt. Es wurde viel geritten und war auch weit ab der Region unterwegs, in der es aufwuchs. Wahrscheinlich war es das Reitpferd des Anführers. Auffallend ist, dass der Hengst in geringerem Abstand zu dem zentral bestatteten Mann niedergelegt wurde als die übrigen vier Gefolgsleute.

© Foto: Archaeofirm

Undurchsichtige
Verhältnisse

Mitte 6. Jahrhundert bis 700

Nach dem Tod des Thüringerkönigs werden die Karten neu gemischt. Die Oberherrschaft im Raum zwischen Rhein und Elbe beanspruchen jetzt die Frankenkönige. In Gebieten, die der Hellweg durchzieht, gib es eine selbstbewusste, erkennbar „frankisierte“ Elite. Aber nicht alle tanzen hierzulande nach der Pfeife der Franken.

Für Aufständische haben sie einen Namen: SAXONES!

SAXONES – Aufständische?

Der Bischof Gregor von Tours (538– 594) nennt sie so. Er hat eine Geschichte der Frankenkönige geschrieben. Diese Schrift ist das älteste Werk, das wir kennen, in dem Menschen, die irgendwo zwischen Rhein und Elbe wohnen, als Saxones bezeichnet werden. Aber auch hier gilt wieder: die Bewohner des Landes rechts des Rheins bezeichnen sich selbst nicht als Saxones.

In der Gewinnzone

Am Hellweg sitzen offensichtlich Gewinner der neuen politischen Großwetterlage: In Regionen um die alte Handelsroute tragen Frauen aus reichen Familien wertvollen Schmuck im Stil adliger Damen im fränkischen Reich.

Grabhügel bei Klein-Vahlberg, © Foto: Raymond Faure

Gräber der Gewinnerzone

Auf einem Ausläufer der Asse, bei Klein-Vahlberg im Landkreis Wolfenbüttel, begräbt ein mächtiger Clan eine Angehörige in einem weithin sichtbaren Grabhügel. Von dort überblickt man das Land bis hin zum Harz – und eine der Trassen des Hellwegs.

Genauso herausragend: Das berühmte »Fürstengrab« von Beckum im Münsterland. Daneben fanden Archäologen zwölf begrabene Pferde. Eine solche »Grabbeigabe« muss man sich leisten können. Das Schwert des Toten ist etwas ganz Besonders: ein sogenanntes „Knaufring“Schwert. Wer so eine Waffe besitzt, gehört zu einer elitären Gruppe von Anführern, verteilt über halb Europa.

Vereinzelt werden sogar Grabsteine von Christen in der Hellwegzone gefunden und selbst Kirchen dürfte es an einigen Orten gegeben haben. Das Bekenntnis der Christen zu dieser Zeit ist dezent: Schmuckstücke und kleine Anhänger zeigen Kreuze oder sind als Kreuze geformt. Bei Bedarf kann man sie verbergen. Anhänger der Religion der fränkischen Eroberer sind sicher nicht überall willkommen.

Wüstes Land?

An der Küste und am Unterlauf von Weser und Elbe wirkt das Land wie leergefegt.

Aus der Zeit zwischen 550 und 700 kennen wir von dort nur sehr wenige archäologische Funde.

Was ist da los?

Vielerorts im norddeutschen Flachland kommt im 6. und 7. Jahrhundert die Landwirtschaft zum Erliegen. Das haben Archäobotaniker festgestellt, die die Pflanzenwelt dieser Zeit rekonstruieren. Bei der Untersuchung von See- und Moorsedimenten, die sich damals ablagerten, sehen sie: Die Proben enthalten kaum Pollen von Getreide und anderen Nutzpflanzen, aber sehr viele Baumpollen. Das heißt: Wald breitete sich aus, Äcker und Felder verwilderten und wucherten zu. Erklärungsversuche gibt es dafür viele: Das Elbe-Weser-Dreieck ist entvölkert, seit dem 5. Jahrhundert waren zu viele Menschen nach England abgewandert. Oder hat die Pest gewütet? Gab es Naturkatastrophen? 536, 540 und 547 brachen in Südostasien Vulkane aus. Gigantische Aschewolken zogen um den ganzen Globus. Bis in die 660er-Jahre wurde es in vielen Regionen der Welt kälter. Missernten und Hunger waren oft die Folge. Auch im norddeutschen Flachland? Um ehrlich zu sein: Wir wissen es nicht.

»Pest, Naturkatastrophen, Missernten und Hunger?«

Holzanatomische Struktur eines Nadelbaumes. Der mittlere, im Jahr 536 gebildete Jahrring zeigt eine deutliche Verletzung, welche durch ein starkes Frostereignis zwischen Mai und Juni verursacht wurde.

LALIA - Late Antique Little Ice Age. Der markante Frostring wurde unabhängig voneinander in Hölzern aus Nordamerika, Europa und Asien gefunden und stellt den Startpunkt der “Spätantiken Kleinen Eiszeit” (Late Antique Litte Ice Age) 536 dar, die bis ca. 660 andauerte.

© Dee Breger, Lamont-Doherty Earth Observatory, Columbia University, USA

Forschern gelang es mit Hilfe von Dendrochronologien (Dendron= Baum, chronos= Zeit, logos= Lehre) aus dem russischen Altai-Gebirge und den Alpen durchschnittliche Sommertemperaturen des 1. und 2. Jt. für große Teile Europas und Asiens zu rekonstruieren. Die Methode der Dendrochronologie basiert auf der Auswertung von Wachstumsphasen von Gehölz. anhand der Jahrringe kann erkannt werden, ob es in einem Jahr eher warm und feucht war, die Jahrringe somit breiter ausfallen oder ob durch kalte und trockene Phasen die Baumringe schmaler ausgebildet sind. Unter Laborbedingungen können Jahrringmuster und deren Abfolge bis zu 1/100 mm genau ermittelt werden. Wenn dann die Wachstumsmuster von gleichzeitig lebenden Bäumen (oder historisch, archäologisch oder subfossil) und die daraus resultierenden Kurven miteinander verglichen werden und (relativ) synchronisiert werden können ist der erste Schritt Richtung Chronologie getan! Überlappen sich die verschiedenen Messkurven, erweitert sich die Chronologie in die jeweilige Richtung.

Alles
Sachsen!

8. Jahrhundert

Im 8. Jahrhundert ringen die Frankenkönige mit aufständischen Saxones. Die Leute, die die Franken »Sachsen« nennen, bestehen aus verschiedenen Gruppen. Westfalaos werden erwähnt, Angrarii und Austreleudi Saxones, »östliche Sachsen«. Ihre Anführer unterwerfen sich nur, um geschlossene Verträge bei nächster Gelegenheit zu brechen.

Sachsen bedeutet ab jetzt: ehrloses Heidenpack!

SAXONES – Personen rechts des Rheins

Die einzige authentische Information über die gesellschaftliche Struktur der Bewohner des heutigen Westfalen und Niedersachsen in der Zeit der Sachsenkriege stammt aus der Kirchengeschichte des englischen Volkes, die der Mönch Beda Venerabilis 731 im Kloster Jarrow (Nordengland) abgeschlossen hat. Beda stellt fest, dass sie keine homogene Gruppe sind und von verschiedenen Fürsten angeführt werden. Ob diese Gruppe sich Gruppe selbst als „Sachsen“ bezeichnet wissen wir nicht.

Die Religion der Sachsen ist den Frankenkönigen zunächst egal. Aber Karl der Große setzt hier den Hebel an. Er wirft den Aufständischen Feindseligkeit gegenüber dem Christentum vor. Mit Gott auf seiner Seite geht Karl gegen die Ungläubigen vor. Er lässt ihnen die Wahl:

Taufe oder Tod

In der »Saxonia« kommt es zu Massenhinrichtungen und Deportationen, heilige Orte werden zerstört. Nach heutigen Begriffen ist das Terror.

»Capitulatio de partibus Saxoniae«

Den Sachsen wird allerhand teuflisches Brauchtum vorgeworfen: Götzendienst, Hexerei, sogar Menschen sollen sie opfern. So steht es in der »Capitulatio de partibus Saxoniae«, einem Erlass Karls des Großen aus der Zeit zwischen 770 und 800, der all das verbietet. Beweisen lässt sich davon kaum etwas. Auch die Behandlung der Toten wird in der Capitulatio reglementiert: Leichname dürfen nicht verbrannt, Getaufte nicht bei den »Grabhügeln der Heiden« begraben werden. Wer sich dem Erlass widersetzt, dem droht die Todesstrafe.

Glaubst Du an Gott?

Die erzwungene Bekehrung von nichtgläubigen Sachsen ist die erste »Gewaltmission« in der Geschichte der Christenheit. Selbst Berater Karls des Großen und Kirchenleute missbilligen dies. Aber die Taufe macht aus Sachsen Untertanen des Frankenkönigs.

»Warum ich so nervös wirke und auf den Fingernägeln kaue? Ach, ihr könnt euch nicht vorstellen welch ungewisser Zukunft ich entgegen blicke.«

»Karl der Große lässt viele meiner Gefolgsleute taufen, oft nicht freiwillig und wer sich wehrt, bezahlt mit seinem Leben! Sterben soll, wer Heide bleiben will und unter den Sachsen sich verbirgt, um nicht getauft zu werden.«

Krieger der Sachsen

Diese Illustration von Kelvin Wilson zeigt einen Gegner Karls des Großen.

Der Illustrator nutzte als Vorlage Ausrüstung und Bewaffnung der Grabbeigaben von zwei Männern, die zwischen 750 und 800 bei Sarsdtedt, Lkr. Hildesheim bestattet wurden. In jeder Grabkammer befand sich zudem ein gesatteltes Pferd.

Forsàchistû diabolae? et respondet: ec forsacho diabolae. end allum diobolgelde? respondet: end ec forsacho allum diobolgeldae. end allum dioboles uuercum? respondet: end ec forsacho allum dioboles uuercum and uuordum, Thunaer ende Uuôden ende Saxnôte ende allum thêm unholdum thê hira genôtas sint. Gelôbistû in got alamehtigan fadaer? ec gelôbo in got alamehtigan fadaer. Gelôbistû in Crist godes suno? ec gelôbo in Crist gotes suno. Gelôbistû in hâlogan gâst? ec gelôbo in hâlogan gâst.

Altsächsisches Taufgelöbnis im Originalwortlaut

Aus Lutz E. von Padberg, Die Christianisierung Europas im Mittelalter (1998)

Der Täufling muss ein Gelöbnis sprechen. Er muss dem Teufel und anderen Göttern abschwören und laut sagen: »Ich glaube an Gott, den allmächtigen Vater!« Das Taufgelöbnis wird am Ende des 8. Jahrhunderts aufgeschrieben, wie es gesprochen wurde: in altniederdeutscher Sprache.

Die Sachsenkriege Karls des Großen sind auch ein Kampf der Ideologien. Mit ungewissem Ausgang: Wer wird zukünftig das Sagen haben? Widukind, der legendäre Anführer der Westfalaos, lässt sich nach langem Widerstand taufen.

Für oder gegen den mächtigen Christenkönig – das stellt die Weichen für die Zukunft.

Der König der Franken baut sein Haus

Mosaik aus der »Karlsburg« © Foto: LWL/Martin Kroker

Karl der Große kommt, um zu bleiben: In Paderborn am Hellweg, am Aufmarschweg in die „Saxonia“, baut er eine Burg mit festen Mauern. Die Befestigungen schützen eine Kirche mit Friedhof, Wohn- und Wirtschaftsgebäude und eine große Halle. Der königliche Bauherr der „Karlsburg“ versteht es, zu beeindrucken. Es gibt dort Mosaiken, farbiges Fensterglas, Wandmalereien und filigrane Steinmetzarbeiten.

Karl sammelt hier mehrfach sein Heer, hält sogar einen Reichstag ab. Aber auch die Herrschaft Karls des Großen kennt Grenzen: Rechts des Rheins soll sie an der Elbe enden. Wollte Karl dort eine Grenze nach römischem Vorbild? Ein großer Fluss als klar erkennbare Linie, gesichert durch Kastelle mit fester Besatzung? Einiges spricht dafür: Wir hören von Burgen, die an der Elbe gebaut wurden, zum Beispiel auf dem Höhbeck im Wendland. Archäologen haben sie gefunden.

Unternehmen
Gottesstaat

9. Jahrhundert

Als Kaiser Karl der Große 814 stirbt, hat er erreicht, woran der römische Kaiser Augustus gescheitert war: Das heute norddeutsche Land zwischen Rhein und Elbe untersteht seiner Herrschaft. Getragen wird die fränkische Macht jetzt auch dort von einer mächtigen Ideologie:

Ein Gott, ein König!

Der eine steht für den anderen – und beide stehen über allem.

Wer sind die Sachsen?

Darüber gehen im 9. Jahrhundert die Meinungen weit auseinander. Einhard (um 770 – 840), der Biograf Karls des Großen schreibt damals über die hartnäckigsten Widersacher des Kaisers: »Die Sachsen waren ein wildes Volk, das Götzen anbetet und dem Christentum feindlich gesinnt war; auch empfanden sie es nicht als ehrlos, alle göttlichen und menschlichen Gesetze zu verletzen und zu übertreten.«

Familien der Oberschicht müssen Imagepflege betreiben: Sie sind gute Christen und das lassen sie auch schriftlich festhalten. Der Adlige Waltbert beschafft sich 850 für ein Kloster, das er in Wildeshausen stiftet, als Reliquie den Kopf des Heiligen Alexander. Sein Großvater hatte noch ein paar Jahrzehnte zuvor erbittert gegen den christlichen König gekämpft: Walbert ist ein Enkel Widukinds, des Anführers der Westfalaos. Nachdem die Alexander-Reliquie aus Rom überführt wurde, beauftragt Waltbert einen Mönch namens Rudolf im Kloster Fulda, darüber zu berichten. Rudolf tut unaufgefordert mehr: Er erzählt von der Herkunft der Sachsen. Davon hat er allerdings keine klaren Vorstellungen. Wir wissen: Der Mönch würfelt Abgeschriebenes bunt zusammen, auch Passagen aus der Germania des Römers Tacitus aus dem 1. Jahrhundert Darin werden aber wie ihr bereits erfahren habt, gar keine Sachsen erwähnt. Rudolf behauptet, sie kämen aus England.

Königtum und Kirche erschließen und strukturieren das Land Hand in Hand. Karls Sohn, Ludwig der Fromme (814 – 840), stattet das Reichskloster Corvey an der Weser mit Privilegien aus. Am Ende des 9. Jahrhundert existieren in der Saxonia acht neue Bistümer. Die Bischöfe sind Entwicklungshelfer Gottes – und des Königs. Die Taufe verspricht Seelenheil – und Teilhabe an der Macht.

Der christliche Kult ...

... wird auch für die Adelsfamilien in der Saxonia das neue Medium der Repräsentation.

Die Adelsfamilien tun es dem König und der Kirche gleich:

Sie gründen Klöster und Stifte, vor allem für Frauen. Die Stifterfamilien lassen sich dort auch begraben. Besonders clever ist dieses Vorgehen in Bezug auf den Erhalt des Vermögens einer Familie, wird dieses in ein Stift umgewandelt, bleibt das Vermögen in Familienbesitz.

Im Namen des Herrn

Die von Karl dem Großen mit »Feuer und Schwert« vorangetragene Christianisierung der Saxonia zielte auf die Gleichschaltung aller dort Lebenden durch den Kult. Das religiöse Zeichensystem ist das politische Zeichensystem. Bistumssitze sind Markierungen der politischen Landschaft.

Fibeln des 8.-10. Jhs aus den Landkreisen Nienburg und Schaumburg, Finder der Fibeln: Ronald Reimann, Kay Jebens

Christiana-Religio-Denar des fränkischen Königs Ludwigs des Frommen (†840 n. Chr.) aus dem Grab 478 des Friedhofs von Neu Wulmstorf­Elstorf im Landkreis Harburg. © Archäologisches Museum Hamburg, Foto: Torsten Weise

»Buttons für die Botschaft Gottes«

© Braunschweigisches Landesmuseum, Anja Pröhle

Die Botschaft Gottes und des Königs tragen auch kleine Broschen ins Land. Manche dieser »Buttons« kommen aus Werkstätten im Rheinland, andere sind Nachahmungen oder kreative Eigenschöpfungen. Münzen Ludwig des Frommen, sogenannte Christiana-Religio-Denare mit einem Kreuz, werden als Anstecker oder Anhänger getragen.

Kloster – Zugang zu Bildung und Macht

Das Bollwerk des neuen Glaubens ist das Kloster Corvey. Die Gründer brachten viele wertvolle, von Hand geschriebene Bücher mit. Ihre Bibliothek enthält auch antike Werke der Philosophie, Geschichte, Geografie, Landvermessung oder Naturkunde. Corvey ist eine Bildungseinrichtung, ein Botschafter von Wissen, Glauben und Kultur.

Lesen und schreiben können damals nur wenige, sogar Könige sind oft Analphabeten. Es gibt keine Schulen, lernen kann man das nur im Kloster. Den Umgang mit dem geschriebenen Wort beherrscht nur ein kleiner gelehrter Kreis – wo Schrift ist, da ist oben! Sie ist der Code der neuen Macht. Mit der Christianiserung der Saxonia hält also erstmals die Schrift Einzug in ein Gebiet, in dem zuvor keine Erzählungen oder ähnliches schriftlich fixiert, sondern mündlich tradiert wurden.

Familien­angelegenheit

Eine der vornehmsten christlichen Stiftungen des Adels in der Saxonia entsteht in Gandersheim. Der Patriarch der Stifterfamilie heißt Liudolf. Er ist sehr einflussreich: Als „Dux“ vertritt er den König. Ein Stift benötigt heilige Reliquien. Liudolf und seine Frau Oda holen sich 852 aus Rom Gebeine der Päpste Anastasius und Innozenz. Das gestiftete Vermögen bleibt in der Familie: Ihre Tochter Hathumod wird mit 13 oder 14 Jahren die erste Äbtissin des Konventes. Ihr folgen noch zwei Schwestern nach. Vielleicht nicht ganz freiwillig. Aber es ist ein Privileg: Die Mädchen erhalten Zugang zu Bildung und Macht.

Wir sind
die Sachsen!

Gewinner machen Geschichte

10. Jahrhundert

Im Jahr 919 stehen die Großen im fränkischen Reich vor einer wichtigen Entscheidung. Wer soll ihr nächster König sein? Ihre Wahl fällt auf einen Adligen namens Heinrich. Er ist ein Enkel von Liudolf, dem Vertreter des Königs in der Saxonia und Stifter des Konventes in Gandersheim. Mit Heinrich sitzt zum ersten Mal ...

...ein Ein Sachse auf dem fränkischen Thron.

Tatenberichte der Sachsen

Dass mit Heinrich I. ein Mann aus einem sächsischen Clan auf den fränkischen Thron steigt, war nicht vorhersehbar. Aber wohl das Ergebnis einer weitsichtigen Strategie. Sein Großvater Liudolf hatte dem fränkischen König Ludwig (der Jüngere) eine Tochter zur Frau gegeben; der Sohn Otto ist mit einer Nichte des fränkischen Königs vermählt worden. Diese beiden sind Heinrichs Eltern. Ein ganz waschechter Sachse ist er also nicht. Die „liudolfingische“ Sippe hat viele Besitzrechte im Land um den Harz, hauptsächlich westlich und südlich des Gebirges. So gesehen sind die Liudolfinger eher Thüringer als Sachsen und Franken. Mehr Besitz in der Saxonia verschafft der Familie Heinrichs eigene Heiratspolitik: Seine zweite Frau ist eine Erbin aus der westfälischen Familie Widukinds.

Widukind, ein Mönch im Kloster Corvey schreibt Heinrichs und Ottos Biografie, die Res Gestae Saxonicae, »Tatenbericht der Sachsen«. Vermutlich kommt Widukind aus der gleichen Familie wie sein Namensvetter, der alte Anführer der Westfalaos. Beide Familien sind überaus stolz auf ihr »Sachsentum«. Widukind schildert ihr Erfolgsrezept ganz unverblümt: Heimtücke, Hinterlist und viel Gewalt. Er legt fest, woran sich künftige Generationen erinnern sollen und widmet die Biografie Heinrichs I. und Ottos I. der Mathilde, die Tochter Ottos I. und Äbtissin von Quedlinburg. Er ergänzt sie um eine Sage vom Ursprung der Sachsen – auf dass sich die junge Leserin bei der Lektüre »angenehm zerstreue«. Woher die Sachsen einst kamen, ist Widukind nicht so wichtig. Er weiß: »Die allzu ferne Zeit verdunkelt fast jede Gewissheit.« Die Geschichte aus dem 10. Jahrhundert liest sich wie ein Erzählstoff bekannter TV-Serien aus Sicht der siegreichen Partei des Kampfes um den Thron.

Nur gut 100 Jahre zuvor haben sich als „heidnische Sachsen“ diffamierte Adelsfamilien der Herrschaft Karls des Großen gebeugt – und jetzt regiert einer der ihren im Reich des Frankenkönigs. Und Heinrichs Sohn wird der mächtigste Herrscher seiner Zeit in Europa: Kaiser Otto der Große.

Was für eine Erfolgsgeschichte!

Herr im eigenen Haus!

Heinrich I. und Otto I. haben keine festen Residenzen. Hohe Feiertage begehen sie auf ihren Gütern am Harz. Dort werden auch Reichstage veranstaltet. Die archäologische Forschung bestätigt: Diese „Pfalzen“ sind vor allem große Wirtschaftshöfe, die sich auf die Versorgung Hunderter, manchmal tausender Menschen vorbereiten. Sie beherbergen auch eine Versammlungshalle, Wohngebäude und Kirchen.

Urkunde Ottos I. mit Rekognitionszeichen der Pfalz in Quedlinburg.

Landesarchiv Sachsen-Anhalt, Magdeburg (MGH DD OI, 184)

Heinrich wird 936 in Quedlinburg begraben. Seine Witwe und sein Sohn Otto stiften dort anschließend einen Konvent. Ottos Tochter Mathilde wird 966 mit elf Jahren zur ersten Äbtissin geweiht. Die Stiftsdamen müssen für Heinrich beten. Seine Grabkirche wird das neue Dynastieheiligtum. Das Land um den Harz ist jetzt Königsland.

Wart ihr schon mal in Quedlinburg?

Dann kommt euch diese Darstellung vielleicht bekannt vor. Am 24. August 956 hat Otto I. in Quedlinburg eine Urkunde ausgestellt. Darauf ist unten rechts ein Rekognitionszeichen zu sehen, üblicherweise sind diese Zeichen abstrakte Symbole. Hier hingegen ist deutlich eine Burg mit einer Kirche auf einem Felsen dargestellt – vermutlich der königliche Hof der Liudolfinger in Quedlinburg.

Widukind bei der Arbeit

Ihr seht hier die Illustration, die den Mönch Widukind bei der Arbeit am »Tatenbericht der Sachsen« zeigt. Kelvin Wilson hat den Mönch, der im Kloster Corvey lebte und nach 973 starb, nach Vorlagen von Darstellungen christlicher Gelehrter (die Tonsur gab es schon im 10. Jh.) und deren Mobiliar gezeichnet. Widukinds Bericht endet mit dem Tod Ottos I. im Jahr 973. Aber damit ist die Geschichte der Saxones oder Sachsen natürlich nicht zu Ende.

Und wie ging die Geschichte weiter?

Die »Sachsengeschichte« des Mönches Widukind fasziniert bis heute. Wer »seine« Sachsen sind, ist für Widukind natürlich keine Frage. Aber woher sie stammen, war auch damals schon Ansichtssache ...

SAXONES

waren immer die, die man dafür hielt.

Mit »SAXONES TO GO« habt ihr nun in komprimierter Form erfahren, wie die Geschichte des 1. Jahrtausends in niedersächsischen und westfälischen Gebieten heute gesehen wird und wie mit Hilfe von aktuellen Forschungsergebnissen alte Geschichtsbilder aktualisiert wurden.

Hier die wichtigsten Punkte für euch nochmal zusammengefasst:

Im 3. Jahrhundert gab es keine Wanderung eines sächsischen Stammesverbandes in das Elbe- Weser-Dreieck und von dort nach England, Südniedersachsen und Westfalen. Es existierte auch kein »Großstamm« der Sachsen oder eine sächsische Identität seit dem 3. Jahrhundert. Vielmehr haben wir es mit regionalen Gruppen mit hochmobilen und europaweit vernetzten Eliten zu tun. Eine sächsische Identität entwickelte sich in Norddeutschland erst infolge der Eingliederung des Raumes in das Reich Karls des Großen und der Wahl Heinrichs I. zum fränkischen König (919).

Der Abschluss?

Nein!

An dieser Stelle besteht kein Anspruch auf die Endgültigkeit dieser Deutung, denn fundiertes wissenschaftliches Arbeiten und Forschen bedeutet immer wieder bestehende Interpretationen vor dem Hintergrund neuester Forschungsergebnisse zu prüfen, aber auch vorangegangene Deutungen auf Grund des Zeitgeistes kritisch zu hinterfragen.

... und was hat das Bundesland Sachsen damit zu tun?

Kurz gesagt – nichts. Die Menschen dort tragen nur den gleichen Namen.

Das liegt daran, dass die sächsische Herzogswürde 1180 von der Adelsfamilie der Welfen auf die der Askanier und später auf die Dynastie der Wettiner übergegangen ist. Diese übertragen den Namen Sachsen 1422 auf ihre Mark Meißen. Jahrhunderte später wird das Heilige Römische Reich 1806 aufgelöst und das Königreich Sachsen mit der Hauptstadt Dresden entsteht. Fast ein Jahrhundert vergeht, bis das Königreich Sachsen wiederum aufgelöst wird und der Freistaat Sachsen 1918 entsteht. Das Bundesland Sachsen wird dann schlussendlich 1990 gegründet.

Die Ausstellung »SAXONES – Das erste Jahrtausend in Niedersachsen« zeigt euch anhand von über 700 Exponaten und der Zusammenführung aktuellster Forschungsergebnisse:

Geschichte und Identitäten werden gemacht

Und das nicht erst vor 1000 Jahren.

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